Publikation Sozialökologischer Umbau Öl war gestern

Rosalux 3/2010 zum Thema «Krise und sozialökologischer Umbau»

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Reihe

Journal «RosaLux»

Autor

Henning Heine,

Erschienen

August 2010

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Wir haben uns daran fast schon gewöhnt: Abermillionen Liter Rohöl sind seit April aus dem Bohrloch unter der zerstörten Förderplattform «Deep Water Horizon» in den Golf von Mexiko geströmt. Das Meer und seine Strände sind verschmutzt, tausende Vögel verendet, Fischfangreviere dem Untergang geweiht, die Spätfolgen unabsehbar.

Von einer «Ölpest» ist landauf, landab die Rede. Als handle es sich bei dem Rohstoff um einen Virus, vor dessen Befall sich die Menschheit nicht schützen könne. So viel ist richtig: Das Geschehen vor der US-Küste ist eine Katastrophe. Aber sie ist gemacht, ist eine Folge der vorherrschenden Wirtschafts- und Lebensweise. Der ständig wachsende Energiehunger der kapitalistischen Produktions- und Konsumweise zwingt zur Ausbeutung von Ölvorkommen auch auf so unsicherem Terrain wie der Tiefsee. Das gilt mittlerweile nicht mehr nur für westliche Industrieländer, sondern auch für aufstrebende Mächte wie Brasilien. Technisch-logistische sowie finanzielle Vorkehrungen für einen Unfall werden von den Profiteuren nicht oder nur unzureichend getroffen, wie das monatelange Herumdoktern am Bohrloch im Golf von Mexiko beweist. Es offenbart zugleich den Zug ins Irrationale des ökonomischen Systems: Lässt der Ölmulti BP bei seinem Geschäft mit dem vermeintlichen «schwarzen Gold» doch rund 100 Millionen Dollar täglich als Verlust liegen, blättert obendrein mehrere Milliarden Dollar als Schadenersatz hin – und bleibt dennoch an den Finanzmärkten kreditwürdig.

Öldesaster, Klimawandel, Finanzkrise – die Phänomene sind teilweise miteinander verbunden. Deshalb spricht die Rosa-Luxemburg-Stiftung seit Ausbruch der Finanzkrise die Vorwobenheit verschiedener Krisen an, die sich überlagern und verstärken. Was die Krisen zudem eint, sind die ähnlichen Reaktionsmuster der herrschenden Eliten: Das Eingeständnis eines großen, ja sogar systembedrohenden Problems, Geschäftigkeit bei der Suche nach Krisenlösungen – und am Ende geht im Grunde alles so weiter wie gehabt. Es fehlt an vielem: An dem Willen zu konsequenten Veränderungen, an der Kraft, diese gegen Interessengruppen durchzusetzen, an der Phantasie, in Alternativen und Optionen zu denken. Siehe insbesondere Kopenhagen zum Klima, siehe die G20 bei der Bankenregulierung. Für die Zukunft der menschlichen Zivilisation bedarf es jedoch eines Denkens in radikalen Kategorien. Es muss um das Ganze von Produktion und Konsum, Arbeiten und Leben gehen. Um einen Entwurf für den Einklang: von Mensch und Mensch sowie Mensch und Natur, von sozialer wie ökologischer Gerechtigkeit. Dabei wird es auch unter Linken Differenzen geben, handelt es sich doch um komplexe Herausforderungen und Widersprüche, die auch uns betreffen.

Das Thema dieser «RosaLux» spiegelt zwei Arbeitsschwerpunkte wider: Die Analyse der Krisen und die Suche nach Alternativen einerseits, Fragen des sozialökologischen Umbaus und der Nachhaltigkeit andererseits. Zwei große Symposien wird es dazu im Herbst geben – die energiepolitische Konferenz «Power to the People – Neue Energie für linke Alternativen» Ende September in Berlin sowie die Konferenz «Auto.Mobil.Krise» Ende Oktober in Stuttgart. Wichtige Aspekte werden in diesem Heft angeschnitten: Die Debatte um wirtschaftliches Wachstum und das Etablieren eines postfossilen Energiesystems sowie einer bedürfnisorientierten Wirtschaft, die Suche nach den nötigen technischen Voraussetzungen für nachhaltige Entwicklung sowie die Bündnisfrage (ab Seite 13). Die Programmdebatte der LINKEN hat auf die Diskussionen um einen sozialen und ökologischen Umbau der Gesellschaft ebenfalls Einfluss. Vier «Gesellschaftspolitische Foren» der Rosa-Luxemburg-Stiftung befassten sich im Frühjahr und frühen Sommer mit sozialistischen Utopien und Transformationsansätzen sowie der Antikriegspolitik (Seiten 4 und 5). Berührungspunkte zum Heftthema weist auch die Analyse auf. Sie beschäftigt sich mit der Einhegung
des börsengetriebenen Finanzregimes und der Zukunft der Krisenproteste (ab Seite 10).